Back to Office? – Warum uns schwarz-weiß Denken nicht weiterbringt

[KOMMENTAR]
An (fast) allen Stellen kehrt nach zweieinhalb Jahren Pandemie wieder sowas wie Normalität ein – auch im Arbeitsleben. Viele Unternehmen wollen ihre Leute zurück ins Büro holen, die meisten Mitarbeitenden wollen aber auf großzügige Home Office Regelungen nicht mehr verzichten. In unserem Alltag als Personalberater sehen wir beinahe täglich, wie Gespräche schon in den ersten Zügen scheitern, weil die Unternehmen „nur“ 50% Arbeitszeit im Home Office gewähren, die Kandidaten aber „bei so wenig Flexibilität“ gar nicht erst weiterreden wollen – und das auch dann, wenn von beiden Seiten ansonsten alle Wunschkriterien erfüllt werden. 

Unbegrenzt ins Home Office – auf lange Sicht eine gute Option?

Ohne Zweifel hat die Pandemie gezeigt, dass umfangreiche Home Office Möglichkeiten Vorteile bieten: Man gewinnt Zeit und Flexibilität, Beruf und Familie lassen sich besser unter einen Hut bringen – oder? 

Auf den ersten Blick ist die Antwort klar. Man spart sich den Weg ins Büro, muss keine Zeit mit der Parkplatzsuche verschwenden, man spart Sprit, man kann selbst einteilen, wann man was macht und bestenfalls dann arbeiten, wenn man sich am produktivsten fühlt (auch wenn das morgens zwischen zwei und vier ist). Schon 2020 hat eine Studie der Uni Stanford gezeigt, dass die Produktivität im Home Office im Durchschnitt zunimmt und die Mitarbeiter zufriedener sind. Aber wie wirkt sich häufiges Arbeiten im Home Office auf lange Sicht aus? 

Teamgefüge, Arbeitsplatz, Familie, Karriere – remote work betrifft das halbe Leben

Dass der Mensch ein soziales Wesen ist und der Erhalt (oder Aufbau) eines gesunden Teamgefüges am besten im persönlichen Kontakt funktioniert, ist eine weit verbreitete Meinung. Tatsächlich zeigt der aktuelle Microsoft Work Trend Index, dass der Kontakt zu Kollegen der mit Abstand triftigste Grund ist, ins Büro zurückzukehren – denn eine halbe Stunde Coffee Talk als Jour Fixe via Teams ist eben doch nicht das Gleiche, wie eine persönliche Unterhaltung. Auch das Thema Zeitersparnis muss wohl kaum diskutiert werden. Wer nicht zur Arbeit fahren muss, sitzt früher am Schreibtisch. 

Aber da fängt es schon an: Wo steht dieser Schreibtisch eigentlich? Wer ein eigenes Arbeitszimmer hat, das nicht mit dem Partner geteilt werden muss und in dem ein vernünftiger Schreibtisch steht, hat Glück. In der Realität sitzen die meisten aber am Küchentisch, im Wohn- oder Schlafzimmer. Sieht man davon ab, dass es sich hierbei meist um ergonomisch suboptimale Settings handelt, dringt damit die Arbeitswelt auch unweigerlich ins Privatleben ein. Und das ist die Kehrseite der Arbeiten-wann-und-wie-ich-will-Medaille. Denn wer ständig vor Augen hat, was noch zu tun ist, wird auch im Feierabend nicht abschalten – sofern es überhaupt einen klar definierten Feierabend gibt. Wir akzeptieren widerstandslos, dass der Stress bei der Arbeit genau da einen großen Raum einnimmt, wo wir uns eigentlich entspannen sollen. 

Ebenso komplex ist das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sicher gewinnt man Zeit, wenn man den Arbeitsweg sparen kann und gerade bei Pendlern kommt hier jeden Tag einiges zusammen. Andererseits wissen in der Regel gerade jene, die in Teilzeit arbeiten und sich nachmittags um die Familie kümmern, wie wertvoll Zeit zum Abschalten ist. Ob man auf dem Rad sitzt, im Auto einen interessanten Podcast hört oder in der Bahn einfach aus dem Fenster guckt – der Arbeitsweg ist eine häufig unterschätzte Pause im Alltag. Eine nicht-repräsentative Umfrage im privaten Umfeld hat übrigens ergeben, dass die meisten im Home Office bis auf den letzten Drücker arbeiten, direkt zum Kindergarten hetzen und ihre Jüngsten schon total gestresst in Empfang nehmen. Wer kleine Kinder hat, kann sich vorstellen, wie der Rest des Nachmittags dann läuft. Gleiches gilt auch für Vollzeitkräfte: Wer vom Schreibtisch direkt an den Abendbrottisch fällt, ist meist im Kopf noch bei Arbeit, wenn der Nachwuchs schon vom Tag berichtet. 

Es ist ein Trugschluss, anzunehmen, dass Menschen ohne Kinder oder andere soziale Verpflichtungen hier im Vorteil wären: Die steigende Produktivität im Home Office hängt nämlich oft nicht damit zusammen, dass man sich besser organisiert, sondern damit, dass man kein Ende findet. Und das betrifft in erster Linie jene, die z.B. keine festen Essenszeiten haben. Die Gefahr, in einen Burnout zu schlittern, obwohl man doch ganz flexibel und selbstbestimmt arbeitet, ist also paradoxerweise höher als bei einem geregelten Arbeitstag. 

Last but not least: Die bereits erwähnte Stanford-Studie hat auch gezeigt, dass sich zu viel Home Office negativ auf die Karriere auswirken kann. Hier sind sicher Führungskräfte gefragt, nicht nur die persönliche Stimmungslage der Mitarbeiter im Blick zu behalten, sondern auch die professionelle Weiterentwicklung zu fördern. Vielen Führungskräften fällt es aber leichter einzuschätzen, wie viel geleistet wird und vor allem, wo noch Potenziale liegen, wenn sie ihre Mitarbeiter live und in Farbe in ihrem Arbeitsumfeld agieren sehen – wer also eine Beförderung verdient oder welche Weiterbildungen vielleicht den Weg zu einer solchen ebnen können. 

Verantwortung und Freiheit im richtigen Verhältnis

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf den Ist-Zustand: Grundsätzlich sind Möglichkeiten zum flexiblen Arbeiten nicht mehr wegzudenken – und kaum ein Unternehmen verlangt von den Mitarbeitern die volle Rückkehr ins Büro. Die Zahl der Home Office Tage in Deutschland pendelt sich laut ifo-Institut derzeit bei 1,4 Tagen/Woche ein. Damit liegen wir hierzulande nur sehr knapp unter dem weltweiten Durchschnitt von 1,5 Tagen/Woche. Die Kommunikationsbranche bietet zudem in der Regel großzügigere Möglichkeiten.  

Es wird deutlich, dass uns schwarz-weiß Denken wie so oft der Lösung keinen Schritt näherbringt. Wie viel Home Office sinnvoll ist, hängt von unzähligen Faktoren ab. Zu nennen wären hier beispielsweise die Unternehmens- und die Teamgröße, die individuellen Aufgabenbereiche und die Schnittmengen mit anderen Abteilungen. Nicht weniger relevant sind aber auch persönliche Aspekte. Der eine braucht mehr Struktur und Führung in seinem Arbeitsalltag, der andere kommt mit Spontaneität und Dynamik besser zurecht. Gefragt ist hier die Fähigkeit zur Selbstreflexion, um Verantwortung und Freiheit im richtigen Verhältnis zueinander stehen zu lassen. 

Flexible Modelle erfordern neue Kompetenzen

Die langfristigen Auswirkungen von umfangreichen Home Office Lösungen werden sich erst mit den Jahren zeigen, denn bisher gab es diese Möglichkeiten schlichtweg nicht in dieser Breite. Positive wie negative Aspekte halten sich die Waage und von Mitarbeitern und Führungskräften sind heute ganz neue Kompetenzen gefragt. Unternehmen und Mitarbeiter – aktuelle wie auch zukünftige – sollten sich auf die jeweiligen Perspektiven einlassen und offen sein für die Argumente des anderen. Denn am Ende liegt die Wahrheit vermutlich wie immer irgendwo in der Mitte. Flexibilität ist unbestreitbar Gold wert. Sie fördert die Zufriedenheit der Mitarbeiter und erleichtert an vielen Stellen den Alltag neben der Arbeit. Bei allem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung hat das Arbeiten in einem Büro aber auch nicht zu vernachlässigende Vorteile, derer sich Arbeitnehmer immer bewusst sein sollten. Neben dem sozialen Aspekt ist es vor allem dieser: Die Tür hinter sich zumachen zu können und einfach nach Hause zu fahren. 

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