Modern-Leaders-Webtalk: Eine Frage der Willenskraft?

Karriere und Familie so miteinander vereinbaren, dass beides noch Freude macht und niemand auf der Strecke bleibt: Gerade in der Kommunikationsbranche kein Kinderspiel. Erst recht in Führungspositionen, die mit einer Sprecherrolle fürs Unternehmen verbunden sind. Wo sind sie, die Geheimrezepte, die erfolgreiche Mütter und Väter aus der Branche anwenden?

Jacqueline Casini, Global Head of Communications bei Lufthansa Cargo und Magnus Hüttenberend, Chief Communications Officer bei TUI Musement, beide Mitglied der Modern-Leaders-Initiative von PRCC, haben den Stein der Weisen in dieser Hinsicht zwar auch noch nicht gefunden. Wohl aber im Laufe ihrer Karriere ein paar Bausteine entdeckt, die den Dauer-Spagat erleichtern können. Beim ersten Modern-Leaders-Webtalk am 6. Oktober 2021 haben sie mit zahlreichen anderen Kommunikator:innen darüber diskutiert, welche Glaubenssätze man über Bord werfen sollte – und wie Ehrlichkeit in entscheidenden Momenten weiterhilft.

  1. Aufs Wesentliche konzentrieren: Augen auf bei Partnerwahl
    Jacqueline Casini, Mutter von drei Kindern, sieht´s grundsätzlich: „Frauen, die Karriere und Familie kombinieren wollen, sollten sich von Anfang an für einen Partner entscheiden, der das mitträgt.“ Die Frage, wann der richtige Zeitpunkt für ein Kind ist, hält sie dagegen für wenig relevant: „Den gibt es sowieso nicht, das müssen Paare einfach individuell für sich entscheiden.“ Im Alltag könnten Au Pairs oder der Freundeskreis dabei helfen, etwa das zeitraubende, wenig produktive Herumkutschieren der Kinder zu ihren Hobbies auf mehrere Schultern zu verteilen. Außerdem müsse man sich klarmachen: „Kein Unternehmen sagt Danke, wenn jemand auf Nachwuchs verzichtet. Was am Ende zählt, ist die Familie.“
  2. Es lebe die Selbstorganisation: Meditation und Online-Tools
    Ohne eine Menge Disziplin, sagt Magnus Hüttenberend klar, seien eine aktive Elternrolle und eine Führungsposition aber nicht unter einen Hut zu bringen. Der demnächst zweifache Vater, verheiratet mit einer ebenfalls beruflich engagierten Frau, erlebt durchaus Momente der Überforderung. „Aber Willenskraft hilft – und die Überzeugung, dass mir eben beide Sphären wichtig sind.“ Meditation und Sport unterstützen ihn dabei, die Nerven zu behalten. Jacqueline plädiert unter anderem für den intelligenten Einsatz digitaler Tools: Die Betreuungslogistik etwa koordinieren sie und ihr Mann mit anderen über WhatsApp, um im Urlaub für Notfälle erreichbar zu sein, nutzt sie die Apple Watch. „Und wir haben in der Familie natürlich einen gemeinsam Online-Kalender, in den jeder wichtige Termine sofort einträgt. Trotzdem kollidieren Veranstaltungen manchmal miteinander, dann muss ich meine Messe-Präsenz eben mal absagen.“
  3. Abschied vom Perfektionswahn: Kein Kuchen von Mutti
    Überhaupt, mein Jacqueline, sei die größte Kunst, die Ansprüche an sich selbst auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren und kontraproduktive Glaubenssätze loszulassen: „Anfangs habe ich mich tierisch unter Druck gesetzt und wollte genauso wie die nicht-berufstätigen Mütter selbstgebackenen Kuchen in die Kita mitbringen. Ich dachte, ich muss alles allein schaffen, damit mich bloß niemand als Rabenmutter verurteilt.“ Seitdem sie sich von diesem Denken befreit habe, laufe alles besser: „Es gibt halt gute und schlechte Tage – genauso wie im Leben von Menschen, die keine Kinder haben.“ Magnus hat gute Erfahrungen damit gemacht, bei akuter Überlastung auch im Team ehrlich zu kommunizieren: „Wenn ich eingestehe, dass ich gerade einen schlechten Tag habe, kommen viele mit ähnlichen Erfahrungen auf mich zu. Im Idealfall springt sogar jemand ein und entlastet mich.“
  4. Realistisch bleiben: Schlechte Tipps ignorieren und sich selbst nicht vergessen
    „Fake it till you make it“, das sei ein Ratschlag, den er von anderen Männern öfter höre, erzählt Magnus. „Für mich der mieseste Rat aller Zeiten, gerade im Hinblick auf die Balance zwischen Beruf und Familie. Man sollte sich schon darum bemühen, beides ordentlich zu bewältigen.“ Modern-Leaders-Mitglied Jens Christmann, Senior Global Director, Digital Marketing bei Mundipharma International hält viel davon, stressige Phasen als Wellen zu sehen, die auch wieder flacher werden. „Balance ist möglich, aber nicht immer und nicht immer im Verhältnis 50:50. Und man muss auch sich selbst im Auge behalten: Nur wenn du selbst regelmäßig im Lot bist, kannst du für deine Familie und deinen Job voll da sein.“
  5. Die Kinder mit einbeziehen: Krisen-Calls und Weihnachtsfeiern
    Mama muss im Urlaub ans Telefon oder wird nachts aus dem Schlag geklingelt? „Das gehört dazu in unserem Job“, sagt Jacqueline. Ein Recht auf Auszeit für Kommunikator:innen sei eben in bestimmten Rollen einfach nicht praktikabel. „Ich erkläre das meinen dreien dann kindgerecht, so erleben sie solche Situationen nicht als Katastrophe.“ Überhaupt, sagen viele Teilnehmer:innen im Webtalk, bringt es mehr Leichtigkeit in den Alltag, die Kinder bis zu einem gewissen Grad ins Berufsleben einzubeziehen. Zum Beispiel, indem man sich spielerisch mit ihnen darüber austauscht, wie sie den Job der Eltern erleben. Oder, wie in manchen Unternehmen üblich, die Kids zum Beispiel mit einlädt, wenn die Weihnachtsfeier ansteht.
  6. Leader:innen als Vorbilder: Empathie ohne Fassade
    Magnus ist überzeugt: „Familie zu haben hilft, Führung noch einmal anders zu reflektieren.“ Seitdem er Vater sei, erlebten ihn auch die Kollegen als empathischer. „Und wenn sie merken, dass selbst beim Chef zwischendurch die Familie Priorität hat, verschwenden Mitarbeiter:innen zusätzlich weniger Energie darauf, sich komplizierte Ausreden für Kinder-Termine auszudenken.“ Jacqueline ist insbesondere ein Vorstand in Erinnerung geblieben, der sie schon beim Kennenlernen dazu ermuntert hat, für dringende Anrufe von Kita und Familie jederzeit selbst wichtige Meetings zu unterbrechen. „Das will ich auch meinem Team vorleben. Wenn man immer eine perfekte Fassade aufrechterhalten will, geht das auf die Psyche – so wird niemand produktiver.“
  7. Individuelle Modelle finden: Teilzeit für alle?
    Für die einen ist es eine auf vier Tage komprimierte Arbeitswoche, für andere die Option, nachmittags ein paar Stunden Job-Pause für die Kinder einzulegen: „Ein `One size fits all´-Modell für arbeitende Eltern gibt es nicht“, meint Magnus. Auch die Reduktion auf Teilzeit könne nicht für jeden und jede die richtige Lösung sein: „Anfangs habe ich selbst weniger Stunden gearbeitet“, so Jacqueline. „Aber da besteht immer die Gefahr, die gleiche Leistung für eine geringere Entlohnung abzuliefern. Außerdem wollen und müssten viele Frauen gar nicht in Teilzeit gehen, wenn sie ihre Aufgaben anders über den Tag verteilen könnten.“ Die Hoffnung der beiden: dass auch nach Corona viele Arbeitgeber:innen die Flexibilität ermöglichen, die sich in Pandemie-Zeiten bewährt hat.
  8. Im Kleinen anfangen: Allein die HR wird es nicht richten
    Die Modelle, die HR schon heute für Eltern bereitstellt, hält Jacqueline zwar für grundsätzlich gut. „Aber die Chefs ermuntern ihre Leute eben oft nicht, solche Lösungen in Anspruch zu nehmen.“ Sie rät dazu, die eigene Führungskraft selbst offen auf das Thema anzusprechen. Magnus glaubt ebenfalls, dass Eigeninitiative mehr bringt als der oft mühsame Weg durch die diversen Abteilungen: „Auf Betriebsvereinbarungen zu warten dauert zu lange. Wenn man sich im Team gegenseitig vertraut, ist es sinnvoller, An- und Abwesenheiten im eigenen Modus zu handhaben.“ Am besten, wie Jacqueline meint, indem zum Beispiel die Team-Mitglieder selbst erarbeiten, was der ideale Zeitpunkt für Meetings mit allen ist: „Wir haben in den letzten 1,5 Jahren Slido genutzt, um darüber abzustimmen – das hat bestens funktioniert.“
  9. Von anderen lernen: Best Practices aus dem Ausland adaptieren
    Aus ihrer Zeit als Führungskraft in Spanien weiß Jacqueline: Selbst in vermeintlich konservativeren Ländern ist das Mutterbild moderner als in Deutschland. In spanischen Unternehmen gibt es zwar nur 16 Wochen Elternzeit, wer länger aussetzen will, muss das selbst organisieren. „Dafür sind Mütter, die viel arbeiten, ganz normal dort. Anders als hier habe ich mich nie dafür rechtfertigen müssen.“ In Nachbarländern wie den Niederlanden wiederum gebe es viele Betriebs-Kitas, wo Eltern mittags auch Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen können. Magnus, der drei Jahre lang die TUI-Kommunikation in Skandinavien geleitet hat, hat viel übrig für den schwedischen Ansatz: „Dort hat mir mein Chef sehr enthusiastisch angetragen, beim ersten Kind doch bitte länger in Elternzeit zu gehen, gerade als deutscher Mann.“ Zurück in Deutschland hält er sich daran – und bleibt aktuell für fast ein dreiviertel Jahr zuhause.
  10. Selbstbewusst kämpfen: Politik und Arbeitgeber in die Pflicht nehmen
    Doch so gleichberechtigt Eltern sich auch organisieren: „Es bleibt eine staatliche Aufgabe, gute Betreuungsmöglichkeiten zu schaffen. Es ist doch verrückt, wenn ich für einen Kita-Platz belegen soll, dass Mitarbeiter:innen tatsächlich über 30 Stunden arbeiten,“ erklärt Jacqueline. Eine Abkehr von der 40-Stunden-Norm, mehr Sharing-Modelle, der Wert von Care-Arbeit, der Mangel an Kita-Personal – das alles, sagen vor allem die Teilnehmerinnen beim Webtalk, seien strukturelle Themen, bei denen Politik und Arbeitgeber gefragt seien. Wie Susan Hölling, Co-CEO der Kommunikationsagentur BCW global, es formuliert: „Wenn sich da nicht mehr tut, ist es fast unmöglich, erfolgreich in Job und Familie zu sein. Das geht so nicht. Da müssen wir alle weiter hart dran arbeiten!“

Eine Frage der Willenskraft allein? Nein, das ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wohl nicht. Aber Dr. Julia Sosnizka, Communications & Marketing Director bei BCG für Deutschland und Österreich, sieht Licht am Horizont: „Ich habe den Eindruck, dass flexible Arbeitszeiten und -modelle sowie eine familienfreundliche Firmenkultur vielerorts kein Selbstzweck oder Marketinginstrument mehr sind. Immer mehr Unternehmen verstehen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein entscheidender Faktor für die Mitarbeiterzufriedenheit und damit für langfristigen Erfolg ist.“

Redaktion: Myrto-Christina Athanassiou

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